Interview mit Julia Kalenberg, selbständige Unternehmerin

«digitale Diät»: Du hast kürzlich gewagt, eine längere Zeit offline zu gehen. Wie kam es dazu?
Julia Kalenberg: Die Idee und den Wunsch hatte ich schon seit einiger Zeit, eigentlich meistens wenn wir in die Ferien gingen. Aber mich hat immer die Aussicht auf hunderte von Mails nach langen Ferien abgeschreckt. Dieses Jahr haben wir im Frühjahr eine Reise nach Bhutan geplant, ein spezielles Land, mit einem interessanten Ansatz, der für den Wohlstand nicht nur das Bruttosozialprodukt misst sondern auch das Glücksprodukt, also wie es den Menschen dort geht. Mir war es wichtig, im dortigen Leben einzutauchen und unterwegs möglichst viel Zeit im Hier und Jetzt zu verbringen, alles intensiv wahrzunehmen. Ich hätte es schade gefunden, so eine lange Reise auf mich zu nehmen, in eine andere Kultur eintauchen zu können und dann doch immer wieder rausgerissen zu werden. Denn in den bisherigen Ferien es schon so, dass mich das „ab und zu E-Mails checken“ unterwegs immer unterbrochen hat und ich nie ganz abschalten konnte. Jetzt wollte ich einfach mal sehen, was das für einen Unterschied macht.

Welche Erfahrung hast du in Deiner Offline-Zeit gemacht?
Vor meiner Offline-Zeit hatte ich Bedenken, ob ich das überhaupt machen kann, ob das akzeptiert wird, vor allem von meinen Kunden. Als selbständige Unternehmerin hatte ich das Gefühl, immer verfügbar sein zu müssen. Aber es geht auch anders. Meine Kunden habe ich informiert über meine Abwesenheit und die geplante Offline-Zeit. Die Reaktionen darauf waren durchweg positiv. In meiner elektronischen Abwesenheitsnotiz standen konkrete Ansprechpartner für Informationen in dringenden Fällen. Das Wichtigste für mich war, dass meine Vertretung während meiner Abwesenheit in einigen Fällen per Mail nachgehakt hat und vor allem eine Menge unwichtiger Mails direkt gelöscht hat. So hatte ich nach meiner Rückkehr eine recht übersichtliche Zahl von Mails zu beantworten. Meine Erfahrung also: Es geht! Ich habe nichts verpasst!

In den Ferien selbst konnte ich viel schneller und besser abschalten als sonst. Bereits am dritten Tag hatte ich den Überblick verloren, welcher Wochentag gerade war. Ich habe viel Zeit fürs Tagebuch-Schreiben verwendet. Das mache ich auch sonst auf Reisen, aber diesmal noch intensiver. Am Anfang war es schon seltsam, wenn andere am Flughafen oder unterwegs im Hotel – sobald es W-LAN hatte – sofort ihr Smartphone in der Hand hatten und online beschäftigt waren. Ich habe mir in der Zeit eine bewusste Pause gegönnt. Nichts tun und einfach beobachten und geniessen.

Wie wirkt sich diese Offline-Erfahrung in Deinen Alltag aus?
Es bestärkt mich in meinen Bemühungen um einen bewussten Umgang mit On- und Offline-Zeiten. Ich fühle mich vor allem bestärkt in meiner bisher eher unbewussten Abneigung, die E-Mails auf meinem Smartphone zu empfangen. Ich bin nicht so wichtig, dass ich jederzeit erreichbar sein muss. Eigentlich müsste zweimal am Tag E-Mails checken und beantworten mehr als ausreichen. Ausserdem ist mir bewusst geworden, dass sich das Beantworten von E-Mails auch oft in die Wochenenden hineingefressen hat. Da steuere ich bewusst entgegen und schaue nur einmal am Sonntagnachmittag hinein, damit ich am Montag morgen mit einem leeren Postfach und offline starten kann.
Ich bin wieder konsequenter geworden, was das zweimal täglich E-Mail-Checken angeht. Und darin, dass ich meine Arbeit morgens auf jeden Fall offline beginne, denn dann kann ich konzentriert arbeiten.

Inwiefern hat Dir die Offline-Zeit geholfen, Dein Nutzungsverhalten digitaler Tools zu ändern?
Eine wichtige Veränderung, die sich vielleicht klein anhört, aber einen grossen Unterschied macht ist folgende: Ich fülle kurze Zeiten wie Warten aufs Tram oder eine Tramfahrt nicht mehr mit einem kurzen Griff zum Natel, um ein Whatsapp zu schreiben, nach dem Wetter zu schauen oder Nachrichten zu lesen. Stattdessen nehme ich mir häufiger die Zeit, bewusst meine Umgebung wahrzunehmen und im Hier und Jetzt zu sein. Farben wahrzunehmen, Geräusche, Gerüche und auf einer bekannten Strecke Dinge zu entdecken, die ich bisher noch nie gesehen habe. Das entspannt mich und entschleunigt. Dass ich eine Pause wirklich als Pause wahrnehme und sie nicht mit dem Griff zum Smartphone fülle, ist sicher eine Auswirkung der Offline-Zeit und von einem wertvollen Seminar „Zeitmanagement, einmal anders“, das ich vor 2 Wochen besucht habe.

Welchen Tipp gibst Du Menschen, die selber den Schritt in eine längere Offline-Phase wagen wollen?
Mit den Tipps finde ich es immer schwierig, weil jeder andere Bedürfnisse und Gewohnheiten hat. Grundsätzlich hilft es sicher, Vertrauen in sich zu haben, dass die Zeit gelingt und dass man sich auf die Erfahrungen freut, die im Hier und Jetzt und weniger online entstehen. Dass man einfach neugierig ist auf die möglichen positiven Veränderungen. Just do it! Ich habe nach den anfänglichen Zweifeln vor dem Start ausschliesslich positive Erfahrungen gemacht.